Das traurige Leben eines einfachen Mannes

Fouad Zamani aus Kawan

"Das hab ich doch nicht ernst gemeint!" sagte Marius, als wir schon angehalten hatten. Kurz zuvor scherzte er noch, dass wir um elf Uhr nachts den Anhalter, der an der Straße stand mitnehmen sollten.


Kurze Zeit später machte es sich Fouad Zamani auf der Rückbank bequem, wir fuhren los und unterhielten uns auf französisch mit ihm. Er erzählte uns, dass er immer in dem größeren Städtchen Taza von Bar zu Bar zieht um sich zu betrinken.


Als wir ihn fragten, wie alt er uns schätze, antwortete er: "Lorenzo schätze ich auf 34 Jahre und Marius auf 28". Großes Gelächter brach darauf hin bei uns aus.

Tagsüber arbeitete er als Künstler, Skulpteur und Maler . Nachdem wir ihn gefragt hatten, ob wir ein Portrait über ihn drehen dürften, willigte er sofort ein und verkündete "Chez Fouad, c'est chez vous", was so viel heißt wie "Mein Zuhause ist euer Zuhause".

 

Als Versicherung, dass er uns nicht betrügen wolle, überreichte er uns stolz seinen Ausweis und wies uns an, ihm diesen erst wieder bei unserer Abreise zurückzugeben.
Wiederwillig und etwas misstrauisch nahmen wir ihn an. Fouad redete unentwegt und nannte uns "Engel", weil wir ihn mitgenommen hatten. Alleine wäre er die 40 Kilometer bis zu seinem Zuhause an dem Tag definitiv nicht mehr gekommen.

 

Wir fuhren also eine Weile die Landstraße entlang und kamen in ein abgelegenes Dörfchen. Dort fuhren wir direkt in seine Einfahrt, da wir uns entschieden hatten, auf seinem Grundstück zu übernachten. Das Angebot, in seinem Hause zu schlafen, lehnten wir ab.


Mit seiner aufdringlichen Art drängte uns der 58-Jährige noch dazu, wenigstens für einen Mitternachtstee zu bleiben.

 

Sein Haus sah von Außen größer aus, als es eigentlich war. Nachdem man durch die Wellblech-Eingangstür gegangen war, stand man in einem niedrigen Raum, der Wohn und Esszimmer, Küche und Atelier gleichermaßen war.


Mit stolzem Funkeln in den Augen sah uns Fouad an und fragte was wir davon hielten. "Ist ganz hübsch..." antworteten wir . Uns hatte es die Sprache verschlagen angesichts diesem Kulturschocks. es war zudem das erste Mal, dass wir in einer typisch marokkanischen Wohnung waren.

Foud Zamani

An den Wänden stapelte sich das Chaos, die muffige Couch mit kleinem Tisch bildeten das Herzstück, dem gegenüber stand ein Schränkchen mit noch mehr Chaos und einem kleinen Fernseher stand. Fließend Wasser gab es keins und gekocht wurde mit einfachen Gasflaschen.

 

Plötzlich kramte Fouad in einer Ecke herum und holte einen kleinen Stoffsack heraus. Vorsichtig griff er hinein und holte einen seltsam geformten Stein hervor. "Schaut her, das hier ist ein Dinosaurierzahn... Und das da ist ein seltener roter Edelstein. Sehr wertvoll!", flüsterte er und hielt ihn uns hin.


Die besagten Steine sahen in unseren Augen aber ziemlich gewöhnlich aus und wir wussten nicht, ob Fouad das nun ernst meint und uns gerade seinen wertvollsten Besitz hinhielt, oder ob das lediglich ein Spiel für ihn war.

 

Wir kamen zu dem Entschluss, dass er wirklich einen Wert in diesen Kieselsteinen sah und waren dazu umso überraschter, als er uns den kompletten Sack voll Steine schenkte. "Ein Geschenk für meine Freunde. Hier gibt es kein Dein und Mein. Alles was mir gehört gehört auch euch".

 

Sprachlos saßen wir auf dem Boden und hielten die peinliche Stille aus. Dann endlich beschloss Fouad einen Tee zu kochen. Es war unser erster Tee in Marokko und schmeckte erstaunlich gut. Anschließend kramte Fouad ein weiteres Mal in einer Ecke herum und zog einen vertrockneten Blumenstrauß hervor. Lorenzo nahm dieses Geschenk widerwillig an.

 

Dann endlich durften wir in unseren Camper gehen und schlafen.


Am nächsten Morgen wurden  wir von Fouad geweckt, der einen kleinen Strauß Blumen in einen vergammelten Kinderhausschuh gesteckt hatte und uns an die Windschutzscheibe klemmte. "Noch mehr Müll", dachten wir uns. Nach dem Essen zeigte uns unser Gastgeber noch das Schlafzimmer im hinteren Teil der Wohnung: Ein stickiger Raum mit einem Kleiderschrank und Teppichen als Matratzen, in dem er mit seiner Frau und seinen zwei Kindern schlief.


Von der Familie bekamen wir jedoch nichts zu sehen.

 

Da wir Fouad filmen wollten, machten wir uns mit ihm auf zu seinem ehemaligen Haus, einer kleiner Lehmhütte, die er selbst gebaut hatte. Dort sahen wir im angrenzenden Tal unzählige kleine Höhlen. Früher lebten die Familien in diesen Höhlen und neugierig fragten wir, ob wir sie besichtigen könnten.


Fouads Familie besaß eine der größten Höhlen, die wir nach einiger Kletterzeit erreichten. Beeindruckt von diesem riesigen Schlund wollten wir abends zurückkehren um hier im Fackellicht feuerzuspucken. Der aufdringliche Fouad wollte da natürlich dabei sein und so konnten wir schlecht nein sagen, als er uns anbot, selbst einmal feuerzuspucken.

 

Auf dem Rückweg zum Dorf kamen wir noch an einer alten Ölpresse vorbei und schauten uns ein Hilfsprojekt zur Bewässerung der Felder an. Wir tranken gemütlich einen Tee und spazierten weiter durch das kleine Dörfchen.


Immer wieder wiederholte Fouad, dass wir jedes Jahr zu ihm kommen sollten mit unseren Familien, Kindern und Freunden. Oder am besten kaufen wir uns ein bisschen Land in der Nähe und bauten dort ein Ferienhaus drauf.

 

Man merkte richtig, dass Fouad keine Ahnung vom europäischen Leben hatte und für ihn sein Leben auf dem Lande alles ist, was er hatte und was er brauchte. Wir waren überrascht über seine Naivität, dass er glaubte wir würden einfach mal so eben nach Marokko kommen um eine Woche bei ihm zu entspannen.

 

Da wir bis jetzt noch nicht viel von seinen Kunstwerken gesehen hatten, machten wir uns später noch zu seiner Werkstatt auf. Zuvor holten wir noch seinen Kumpel ab, der beim Strom- und Wasserdienst arbeitet und die Finanzen verwaltete.

 

Kleine Anekdote am Rande: wenn er das eingetrieben Geld zur Bank brachte, transportierte er die Million Dirham immer in einer kleinen Plastiktüte und spazierte mit ihr durch die Straßen. Völlig normal, wer braucht schon Sicherheit und Tresore.


Mitten in der Natur fand sich neben einem Autofriedhof das kleine Atelier, in dem Kunst kreiert wurde. Wir besichtigten das wunderschöne Chaos und bestaunten die abstrakten Figuren. Anschließend hockten wir uns in den kleinen Garten und genossen die Natur und schenkten Fouad unseren Wein, den wir beim Kauf der Fährentickets erhalten hatten.

Lorenzo spielte zum Vergnügen Fouads noch ein bisschen Gitarre. Dieser war großer Musikfan und schwärmte immer von Eric Clapton, Bob Dylan und Co. Zwischendurch wollten wir noch kurz nach Taza fahren um ins Internet zu gehen. Schlussendlich bat Fouad uns noch darum eine vodka für ihn zu besorgen. Da wir nicht wussten, wo man in einem muslimischen Land Alkohol herbekommen sollte, fragten wir den Bruder des Mädchens, welches uns am Vortag ihre Hilfe bei unserem Kühlwasserproblem angeboten hatte.


Dieser stand nämlich immer mit seinem kleinen roten Mitsubishibus an der selben Stelle wobei wir uns bereits fragten, was der da den ganzen Tag mache. Er fuhr uns zu einem "Spezialladen" und kurze Zeit später waren wir wieder zurück im Atelier.

 

Als langsam die Sonne unterging wurden wir ungeduldig, denn wir wollten ja noch bei der Höhle filmen, aber Fouad ließ sich alle Zeit der Welt und wollte nicht aufbrechen. Nach etwas genervtem warten ging es dann endlich los und wenig später standen wir mit allem, was wir brauchten am Höhleneingang.

Fouads Werkstatt ist schon eine kleine Wunderwelt für sich...

Fouad spuckte seine erste Flamme, doch offensichtlich vertrug er das Maismehl überhaupt nicht. Er spuckte und würgte und gurgelte und nach zwei Versuchen war Schluss. Also sollte er nur die Höhle mit Fackel erkunden.


Sein, mit tiefen Falten durchzogenes Gesicht, sah dabei richtig genial aus und auch seine Mimik und Gangart überzeugten. Er stöberte also eine Weile in der Höhle herum und fand einen kleinen flachen Stein.

 

Irgendwann saßen wir dann in der hintersten Ecke der Höhle und Fouad erzählte uns, dass es eigentlich noch weiter ginge, aber man den kleinen Durchgang zugeschüttet hatte. Eines Tages wolle er ihn freiräumen und die Höhle erkunden, denn er sei sich sicher, dass dort noch ungeheure Schätze lagerten. Ihm fehle es aber an einem guten Licht und der richtigen Ausrüstung.


In seinem Alkoholrausch fing er dann an emotional zu werden und widmete den flachen Stein Carmona Inc. Wir sollen ihn auf jeden Fall wieder besuchen, ein Haus neben seinem bauen und alles mit ihm teilen.

Auf dem Rückweg, Fouad wäre fast vom Berg gestürzt in seinem Vollrausch, wurden wir von zwei Polizisten angetroffen. Diese redeten mit Fouad auf arabisch und verlangten dann unsere Ausweise. Auf einem kleine Zettel hatten sie unser Kennzeichen geschrieben. Wir bekamen es mit der Angst zu tun, doch die zwei Männer erklärten uns, dass sie sich lediglich um unsere Sicherheit sorgen würden.


Etwas verwirrt, folgten wir ihnen dann zu Fouad nach Hause, wo wir erstmal gemütlich einen Tee zusammen tranken. Plötzlich fragte der eine Polizist, ob er ein Bild mit uns machen könne. Wir sagten natürlich ja, und so saßen wir kurz vor Mitternacht irgendwo in Marokko bei einem Typ, den wir mitgenommen hatten, auf der Couch zwischen zwei Polizisten und warteten, bis die Kamera auslöste.

 

Es machte Klick und plötzlich wurde die Haustür aufgerissen. Fouads Frau stürmte herein und brüllte ihn auf arabisch an, fuchtelte wild mit den Armen, zeigte auf uns, zeigte auf die Alkoholflasche, stürmte wieder raus, kam zurück, fuchtelte und fluchte weiter . Wir fünf Männer saßen nur still da und wagten uns nicht zu rühren, geschweige denn etwas zu sagen. Die Frau holte ein paar Kleider aus dem Schlafzimmer und verschwand dann wieder mit den Kindern in der Tür.

 

 

Dann wurde uns alles klar:

 

Dieser arme Kerl geht regelmäßig in die Stadt um sich zu betrinken, ist tagsüber immer unterwegs und sieht seine Familie fast gar nicht. Seine Probleme versucht er im Alkohol zu ertränken und er gerät so immer weiter in einen Teufelskreis.

 

Wir zwei haben ihn dabei auch noch unterstützt und haben ihm noch mehr Alkohol gegeben. In dem Moment fühlten wir uns schuldig, obwohl wir das ja nicht hätten ahnen können.

 

Wir beschlossen noch in der gleichen Nacht weiterzufahren. Mit gebrochenem Herzen blickte uns Fouad hinterher, nachdem er uns nicht hatte gehen lassen wollen.

Werden wir ihn wohl wieder sehen?

 

Wir bezweifeln es. (L)

 

Die Polizisten sorgen sich nur um unsere Sicherheit. Bis jetzt haben wir nur sehr gute Erfahrungen mit ihnen gemacht

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Kommentare: 2
  • #1

    Lottermann (Freitag, 06 Mai 2016 08:14)

    Bei der x-ten Tasse Kaffee sitzen und mit euch (im Kopf) mitreisen. Was für ein Leben. Danke, dass ihr uns mitnehmt. Ihr seid eben wirklich Engel, da hat Fouad ganz recht. Diese Geschichte mag ich besonders.

  • #2

    sast (Mittwoch, 25 Mai 2016 22:27)

    Ist schon anders, zu erleben, mit wie viel weniger manche Menschen zufrieden sind und auf was sie großen Wert legen bzw. welche kleinen einfachen Dinge ihnen wichtig sind.
    Die Kunststücke im Atelier habe ich leider nicht entdecken können, jedoch seine kleine Stadt in Stein gehauen, erstaunlich. Und wie der Koran sagt: „erkundet die Welt da draussen, lernt die Welt und die Menschen kennen.“ Das habt ihr durch die Bekanntschaft mit Fouad getan. Und allein sein Gesicht, die Falten und Mimik, erzählen schon eine Geschichte. . .