Ambivalente Bekanntschaften in der Königsstadt

Der leidenschaftliche Musiker versinkt in seinem Gitarrenspiel

Und einmal mehr stießen wir auf die kuriosesten Leute.


Wir waren noch keine halbe Stunde in der roten Stadt Marrakesch, da wurden wir schon von einem hageren Mann mit Anzughose und Hut angesprochen.


Er war in Begleitung eines kleinen, gemütlichen, schwarzen Mannes und nachdem wir uns gegenseitig vorgestellt hatten und erfuhren, dass die beiden Musiker seien, wurden wir kurzer Hand zum Essen eingeladen.

 

Also kauften wir zwei Straßen weiter ein Hühnchen und kurz vor der Wohnung der Gastgeber, beim Gemüseverkäufer des Vertrauens, Zwiebeln, Kartoffeln und Karotten ein. Der lange Ali lebte mit seinem kleinen Kumpel Isaac in einer Art Wohngemeinschaft und ihnen gehörte ein kleines, chaotisches Zimmer.

 

Gemeinsam kochten wir Hühnchen mit Gemüse. Wir mussten das Gemüse schneiden und schälen und da es keinen Tisch gab, wurde einfach auf dem Stuhl gearbeitet. Natürlich wollten wir Ali und Isaac auch Musik machen hören und nach dem Essen gab es dann eine spontane Jamsession. Mit kehliger Stimme sang Ali alte Songs und spielte dazu Gitarre.
Später packte Isaac seine, ihm heilige, rote E-Gitarre aus und fing ebenfalls an zu singen und zu spielen.


Kurios war auch der Anblick, wie Isaac mit der Gitarre im Bett lag und "We are the world" sang.

 

Ali war der dominantere Teil des ungleichen Duos. Was er sagte, wurde gemacht. Dabei änderte er seine Meinung derart sprunghaft, dass wir irgendwann anfingen, erst kurz abzuwarten, ob es denn dann auch bei seinen immer neuen Ideen bliebe.

Am Nachmittag beschlossen wir, mit Ali in die Medina zu gehen. Wir nahmen das Taxi, was für uns eine Premiere in Marokko war und kurze Zeit später standen wir mitten in dem Gassenlabyrinth. Schnurstracks stapfte Ali voraus, während wir ihm folgten.


Vorwärts, rückwärts, hier abbiegen, da in die Gasse... Schnell hatten wir die Orientierung verloren, aber für Ali war das kein Problem.

 

Nach einiger Zeit der "Herumführens" hockte sich Ali einfach in einen der vielen Läden und begann mit dem Verkäufer zu plaudern und Tee zu trinken. Wir standen nur doof vor dem Laden, da wir selbst nicht mehr hineinpassten.


Anscheinend habe der Verkäufer eine alte Violine, für die sich Ali interessiere. Also folgten wir ihm zu seinem Haus, in dem er das gute Stück präsentierte. In unseren Augen sah sie jedoch wie eine Billigvioline aus, wobei der Besitzer den unschätzbaren Wert beteuerte. Ali, der selbsternannte Instrumentenexperte, war sich sichtlich unsicher. Sowieso war er ein Großschwätzer, der viel zu sagen hatte, wenn der Tag lang war . Schlussendlich kaufte er die Violine nicht.

 

Weiter besuchten wir einen Kleiderladen für traditionelle, marokkanische Klamotten, in dem wir genötigt wurden, hässliche Fummel anzuziehen, die zusammen umgerechnet 80 Euro kosten sollten. "Special Students Price".


Ali meinte, wir würden so etwas unbedingt brauchen, wenn wir mit ihm in Restaurants oder an Partys auftreten wollten.

 

BITTE WAS? Wir würden nirgends mit ihm auftreten. Fälschlicherweise hatte er geglaubt, wir seien Profimusiker und könnten spontan bei einem Gig Geld mit ihm verdienen. Ganz großes Missverständnis. Wir sind Profifilmer, aber nie im Leben Profimusiker.

 

Als wir das klarstellten, war Ali enttäuscht.

Also ging es erst mal mit dem Taxi weiter auf einen anderen Markt, auf dem sich ali ein Yamaha Keyboard ansah, welches am Straßenrand verkauft wurde. Nachdem es im nächstbesten Laden eingehend bespielt und dazu gesungen wurde, fragte er uns, ob er es für 800 Dirhams nehmen sollte.


Wer war hier denn der Experte? Wir oder er . Schlussendlich kaufte er auch dieses Instrument nicht und wir fuhren abermals weiter . Diesmal in Richtung einer Feier, auf der wir die Soundanlage für ihn fotografieren sollten. Nachdem große Verwirrung gestiftet war, wo denn diese Party stattfände, fuhren wir noch einmal mit dem Taxi im Kreis, bis wir von einem Bekannten von ihm abgeholt wurden.


Blöderweise war dieser Bekannte mit dem Moped unterwegs und wir konnten schließlich nicht zu viert auf dem Moped mitfahren. Nach hitzigen Diskussionen führte uns der Bekannte 20 Meter weiter in ein weißes Zelt.

 

Wir hatten also eine halbe Stunde nur wenige Schritte entfernt verzweifelt gewartet.

 

Nun ja, wir waren ja dann irgend wann da und als wir das Zelt betraten, verschlug es uns die Sprache.


Wo waren wir hier nur gelandet? Der Boden war mit teuren Teppichen bedeckt, überall silberne Kerzenhalter, teures Geschirr und eine riesige Soundanlage. Wir waren uns nicht sicher, ob Ali überhaupt Zutritt zu dieser vermutlichen Hochzeit hatte, aber das hinderte ihn nicht daran, erst einmal die alten, traditionellen Trommeln auf die Seite zu räumen, damit Lorenzo die Anlage fotografieren könne.

 

Die Krönung war jedoch, als Ali hinter dem riesigen Mischpult posierte, wärend Lorenzo ihn fotografieren sollte. Wir wurden von allen Seiten schon blöd angestarrt und dann ging es plötzlich ganz schnell.


"Okay, lasst uns gehen. Sofort!" sagte Ali und wenige Augenblicke später saßen wir wieder im Taxi.

Nun war die Preisfrage, wie wir ihm die Bilder zukommen lassen sollten. Am besten sofort und auf der Stelle. 

 

Schlussendlich fuhren wir zurück zu ihm nach Hause und übertrugen die Bilder auf Isaacs Laptop.


Müde traten wir unseren Heimweg zum Camper und Campingplatz an. Nach zwei Stunden laufen kamen wir endlich an und fielen müde ins Bett.

 

Der nächste Tag sollte ähnlich anstrengend werden.

Dieses Mal parkten wir näher an der Stadt und halbierten damit unseren Weg zu Ali und Isaac. Wir kamen unangekündigt und erwischten die beiden, wie sie sich gerade fertig machten um in die Souks zu gehen.


Eigentlich wollten wir sie nochmals filmen, wie sie Musik machten, sangen und Gitarre spielten, doch wie Fouad schon gesagt hatte: "Never ask a singer to sing!". Ali war zu störrisch um auf Abruf zu singen, aber er tat es immer dann, wenn man gar nicht damit rechnete.

 

Wir mühten uns auf, ein weiteres Mal mitzukommen, in der Hoffnung, dass es mit Isaac zusammen nicht so anstrengend werden würde. Er war uns richtig ans Herz gewachsen mit seiner sympathischen, ordentlichen Art.


Das eigentliche Ziel der beiden war es, billige, gebrauchte Möbel zu kaufen. An dem Tag stand ein neuer Tisch an, der nicht zu viel kosten sollte, da sie ja eigentlich pleite waren.

In den Souks angekommen, durchstöberte Ali erst eine Ewigkeit einen Anzughaufen und erstand zwei neue Jackets und drei Hosen. Isaac setzte sich in der Zeit gemütlich hin versendete die Bilder, die wir am Abend zuvor gemacht hatten und die Ali ja so dringend und sofort gebraucht hatte.


Natürlich waren die Souks für uns auch spannend und wir durchstöberten die Gerümpelhaufen eine Weile, doch mit der Zeit verloren wir die Geduld, zudem war es ziemlich heiß und in den Menschenmassen verlor man sich gegenseitig immer wieder aus den Augen.

 

Es dauerte nicht lange, da hatte Ali wieder ein Keyboard entdeckt und hackte fröhlich auf den Tasten herum. Auch Isaac verdrehte so langsam seine Augen, zumal er das eigentliche Ziel, einen neuen Tisch zu finden, nicht vernachlässigte.


Ali fing fast einen Streit mit einem der Händler an und beschwerte sich bei einem anderen Händler, dass er ihm vor kurzem ein defektes Gerät verkauft hatte.

 

Gegen Nachmittag verloren wir endgültig die Geduld und wollten nur noch nach Hause. Vor ihrer Wohnung fragten wir ein letztes Mal, ob sie noch für uns Musik machen würden, aber Ali sagte nur schnippisch: Ich brauche jetzt erst mal etwas zu Essen, in ein paar Stunden könnt ihr wiederkommen und dann sehen wir weiter.

 

Das war uns dann zu blöd. Wir holten unsere Sachen aus seiner Wohnung und stapften wütend davon. Natürlich konnten wir nicht erwarten, dass sie für uns spielten, wann wir wollten, aber ein bisschen Entgegenkommen hätten wir schon erwartet.


Schade! (L)

Wie immer gibt es auch mit diesen beiden Herren ein Gruppenfoto

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