Megaprojekt mit 1000 Menschen

Wir haben ein gigantisches Projekt gestemmt!!! Ein Drehversuch, der zehn Minuten dauert, über 1200 Leute, die sich koordiniert und sekundengenau zu Musik bewegen müssen. Ein monstermäßig gutes Video ist dabei entstanden! An nur EINEM Tag.

 

Der Lipdub des Theodor-Heuss Gymnasiums Schopfheim ist endlich öffentlich.

 

Nach wochenlanger Geheimhaltung des Projekts Seitens der Schüler und Lehrer wurde das Video am 13. Juli Wolfgang Stocker, dem (noch) aktuellen Direktor des Gymnasiums in Schopfheim präsentiert. Er war die einzige Person, die von der monatelangen Planung nichts wusste und zum Glück auch nichts mitbekommen hatte. Doch wollen wir am Anfang der Geschichte beginnen, damit jeder das Ausmaß dieses Projekts begreifen kann...

Vor einigen Wochen sprach uns Lukas Engelke, unser ehemaliger Lehrer und inzwischen sehr guter Freund an, ob wir nicht mal wieder ein neues, großes Projekt starten wollten. Er hatte da was cooles im Internet gesehen, sagte er uns. Bei einem kühlen Bierchen an der schönen Frühlingsluft zeigte er uns mit strahlenden Augen einige Youtubevideos von amerikanischen Lipdubs. Für alle, die sich fragen, was so ein Lipdub ist, hier eine kurze Erklärung: 

 

Ein Lipdub ist eine Art Musikvideodreh, der von großen Menschenmassen, oft von Schulen, veranstaltet wird. Dabei läuft Musik Playback, während einige Sänger dazu vor der Kamera herlaufen und lippensynchron singen. Um sie herum stehen dann viele weitere Menschen und schmeißen mit Konfetti um sich und machen allerlei Faxen. Der Clou an dem Ganzen ist, dass dieses Video keinen einzigen Schnitt hat und somit alles perfekt klappen muss.

 

So einen Lipdub wollte Lukas mit uns und 1200 Schülern des THGs Schopfheim umsetzen. "Du bist doch völlig verrückt!", sagten wir, nachdem er uns die Idee geschildert hatte. Und dann willigten wir ein. Denn wir sind ja genauso verrückt! Dann startete auch sofort die Planung.

 

Zusammen mit einer weiteren Lehrerin, Anja Frey, stritten wir uns um die passende Musik, die alte Generation waren natürlich überhaupt nicht mit "hippen" Vorschlägen wie "What does the Fox say" einverstanden, aber schlussendlich siegten wir doch über die Musikwahl und sollten damit wohl mitten ins Schwarze treffen. Die Krux an der ganzen Sache war obendrein die Geheimhaltung vor dem Schuldirektor. Lukas und Anja weihten den Rest der Lehrerschaft bei einer Gesamtlehrerkonferenz in dieses große Projekt ein und der Großteil war begeistert von der Idee.

In den nächsten Wochen arbeiteten wir die Route aus, die die Kamera beim finalen Drehtag nehmen würde und teilten die Klassen in Abschnitte ein. Starten sollte das Video vor der Schule, dann einmal durch die Schule direkt zum Hinterhof, um hinter der Mensabühne durch die Tür wieder hereinzukommen. Dann direkt auf die Bühne und einmal quer durch die Mensa. Wieder raus, an den Schulcontainern vorbei, über den Sportplatz hinten in die Sporthalle rein und in Schlangenlinien durch. Als nächstes huschte die Kamera durch die Umkleiden durch und direkt die Treppen hoch in den ersten Stock. Weiter ging es durch die Bioräume bis sie dann vor dem Aufzug ankam. Dort wurde natürlich nicht angehalten, sondern mit dem Fahrstuhl ging es weiter in den zweiten Stock, einmal den Gang entlang, durch den Physikraum und raus aufs Dach der Schule. Dort hob die Kamera dann ab und drehte einige Runden über dem Schulhof, wo nochmal die große Gesamtchoreografie stattfinden sollte.

 

Nach und nach überlegte sich jede Klasse bei ihrer Station ein Szenario, das die kurzen 12 Sekunden, die sie hatten füllen sollte. Wir waren überrascht, was für geniale Einfälle die Schüler hatten. So verwandelte sich zum Beispiel ein Klassenzimmer in ein Aquarium, die Biosammlung in eine Disko oder eine Dominoreihe aus Menschen flog den Gang entlang um.

Dann kam der Stichtag! Der Tag an dem alles perfekt laufen musste, 1200 Leute ihre Choreografie perfekt ausführen mussten und wir gleichzeitig filmen, Anweisungen brüllen und Ratschläge geben mussten. Das Ergebnis seht ihr oben.

 

Um 7:45 Uhr, zur ersten Schulstunde versammelten wir uns mit Lukas und Anja im Lehrerzimmer, um danach jeder auf seinen Posten zu gehen. Lukas organisierte ein riesiges Megaphon, während Anja fleißig bunte Blätter an die  Schüler im Hof verteilte. Wir werkelten indes an der Technik und der Kamera herum. Zuerst stand der Dreh der Schlusssequenz an. Und hier müssen wir den Zauber des schnittlosen Videos (leider) brechen. Denn ganz ohne Tricks funktionierte es nicht. Zwischen dem Part in der Schule und der Drohnenfahrt gibt es einen Schnitt. Wo der genau sitzt, verraten wir allerdings nicht. 

 

Lukas stand im ersten Stock am Fenster mit Überblick auf den Innenhof und brüllte sich gekonnt die Seele aus dem Leib. Alle 1200 Schüler versteckten sich, bewaffnet mit einem blau/gelben Blatt, unter den Durchgängen der Schule und strömten auf Kommando in den Schulhof. Drei Probedurchläufe gab es und dann wurde scharf gefilmt. Mit leicht zitternden Händen nahm Lorenzo auf dem Dach des Neubaus Platz, da er dort den besten Blick auf die Drohne haben sollte. Die Drohne hob ab und bahnte sich ihren Weg von Neubau Richtung Innenhof. Dann wurde per WalkieTalkie das Kommando gegeben, dass die Hof-Choreografie starten konnte und wenig später hörten wir Lukas' Stimme durch die sonst ruhige Schule hallen. Lediglich das leise Summen der Drohne hoch oben war noch wahrzunehmen.

 

"Drei, zwei, eins, und los!!!" Hieß es und mit tosendem Bebrüll, der noch hunderte Meter weit zu hören war, stürmten über 1000 Menschen in den Hof. Lorenzo flog die perfekte Kurve über dem Schuldach und als er das Schauspiel sah und hörte, stellten sich seine Nackenhaare auf. "Drei, zwei, eins und Blätter hoch!" Lautete das zweite Kommando von Lukas. In einer gewaltigen Laolawelle hoben alle das blaue Blatt über ihren Kopf. Kurz darauf kam das dritte Signal und die Schüler drehten ihre Blätter auf die gelbe Seite um. Doch nicht alle Blätter waren auf der anderen Seite gelb. In der Mitte des Schulhofs formte sich ein riesiges, rotes Herz und spätestens jetzt war die Gänsehaut garantiert! Anja hatte nach mühsamem Rechnen und Herumprobieren ein unglaubliches Ergebnis geschaffen. Sie hatte nämlich zuvor auf dem Boden markiert, wo die Schüler mit den roten Blättern stehen sollten und das hat grandios funktioniert. Doch hier endet die Choreografie noch nicht. Gleichzeitig sieht man nämlich noch, wie eine blaue Folie vom Rondell gezogen wird und der Schriftzug "Goodbye Stocki" hervorkommt. 

 

"Wow" war das einzige Wort, das wir in diesem Moment sagen konnten. Und so ist es wohl vielen ergangen, als sie das Video sahen.

 Jetzt folgte der noch schwierigere Teil der ganzen Aktion. Die einzelnen Klassen bezogen ihre Posten entlang der Strecke und bereiteten sich und ihre Kulissen (falls vorhanden) vor. Zusammen mit den eingeteilten Streckenposten probten sie schon grob den Ablauf um ein Gefühl für die Präsenz vor der Kamera zu bekommen. Wir hingegen klapperten zusammen mit Lukas eine Station nach der anderen ab, klärten Fragen, planten, wie genau sich die Kamera bewegen solle und zu genau welchem Zeitpunkt das Konfetti fliegen musste. Natürlich dauerte das deutlich länger als wir das eingeplant hatten, was insgesamt eine Verzögerung nach Hinten zur Folge hatte. Auch kämpften wir mit der Lautstärke der Musikanlage, die neben der Kamera herlaufen sollte, damit das Timing stimmte. Trotz einer riesigen Boombox auf Lorenzos Rücken konnte man unter dem Gegröle die Musik nicht hören. Erstaunlicherweise hatten die kleineren aber modernen Bluetoothlautsprecher, die einige Schüler dabei hatten, wesentlich mehr Bums und so konnten wir doch noch alle ausreichend beschallen.

Die Zeit drängte und um pünktlich fertig zu sein, entschlossen wir uns, einen kompletten Probedurchlauf zu streichen und direkt mit dem ersten Drehversuch zu starten. Durch die Lautsprecheranlage der Schule wurde durchgesagt, dass sich nun alle auf ihre Plätze begeben sollten um zur Ruhe zu kommen. Wieder wurde es still, bis der Playbackton aus der kleinen Boombox ertönte, die Lorenzo hinter Marius her trug. Dicht gefolgt von Lukas, der unter höchster Anspannung letzte Regieanweisungen den Schauspielern zurief, bahnten wir uns unseren Weg durch das Schulhaus. Einige Aktionen klappten wunderbar, einige weniger. Trotzdem waren wir positiv überrascht, als die das Video zum ersten Mal checkten: So schlecht, wie befürchtet war es nämlich gar nicht. Und die Aktionen der Klassen kamen in den meisten Fällen auch wunderbar zu Geltung auf dem Bildschirm. Wir waren stolz! Trotzdem wollten wir uns steigern und riefen zum zweiten Durchgang auf. Nach nur 15 Minuten standen alle wieder bereit und warteten darauf, dass die Kamera endlich um die Ecke kam.

 

Nun klappten auch Sachen, die beim ersten Durchgang nicht reibungslos verliefen. Leider auch umgekehrt, denn einige Sachen funktionierten überhaupt nicht so gut wie im ersten Durchlauf. Jetzt hatten wir aber Blut geleckt! Der dritte Durchlauf sollte perfekt werden! 

 

Aber war wohl nichts... Denn wenn man 1200 Schülern ankündigt, dass man nur zwei Versuche filmt und plötzlich mit der Planänderung, einen dritten zu machen daherkommt, stößt man auf wenig Zuspruch. Also mussten wir uns geschlagen geben und fingen an gemeinsam aufzuräumen. Die Putzaktion ging rasend schnell und nach 45 Minuten fand man kein einziges Konfettiteilchen mehr auf dem Boden. Das war wahrscheinlich der Tatsache zu verdanken, dass alle Schüler ehrgeizig verhindern wollten, dass Herr Stocker am nächsten Tag etwas mitbekommt.

Allgemein müssen wir ein mega großes Lob und ein riesen Dankeschön an die gesamte Schüler und Lehrerschaft äußern. Die Hitze war an diesem Tag nicht gerade förderlich und mit eisernem Willen und einer enormen Geduld warteten alle Beteiligten brav auf ihren Einsatz. So einen Zusammenhalt und Miteinander hat die Schule wohl noch nie erlebt. Ein einzigartiges Erlebnis, dass allen Schülern und Lehrern wohl noch lange im Gedächtnis bleiben sollte. Auch Lukas und Anja gebührt natürlich ein riesen Dank, ohne die dieses Event nie hätte stattfinden können.

Jetzt stellt sich noch die Frage: Wie kam das Video bei Wolfgang Stocker an?

 

Zusammen mit allen Lehrern und Klassensprechern veranstaltete die Schule eine offizielle Verabschiedungszeremonie mit Geigen, Reden und der typischen Geschenkübergabe. Als Herr Stocker nach einer erstaunlicherweise ganz netten Veranstaltung gerade abmoderieren wollte, sprangen Lukas Engelke und Anja Frey, die neben uns saßen auf und riefen laut "Halt! Da gibt's noch was, was wir dir zeigen wollen."

Etwas verwirrt starrte uns Herr Stocker an, als wir zu viert nach vorne liefen. Der ganze Saal wusste, was nun bevor stand: Der Lipdub wird gezeigt. Eine einzige Person, nämlich Herr Stocker wusste nicht, was jetzt folgte. Die Leinwand fuhr herunter während Lukas und Anja noch ein paar erklärende Worte von sich gaben. Dann gab's noch eine herzliche Umarmung und Herr Stocker nahm wieder ganz vorne Platz.

 

Die Musik startete und das Bild flimmerte über die Leinwand. Zehn Minuten starrten alle gebannt nach vorne während Musik von Peter Fox, Laing, Jan Delay und Weiteren erklang und alle 1200 Schüler des THGs den Abschied des legendären Schuldirektors Wolfgang Stocker mit ihren paar Sekunden im Lipdub ehrten. 

 

Tosender Applaus am Ende! Das Licht ging an und jetzt war es wieder an Herr Stocker etwas zu dem gerade Gesehenen zu sagen. Aber ihm fehlten die Worte. Nur schwer brachte er ein paar Sätze zusammen wobei der Großteil darauf hinauslief, wie verrückt, Lukas, Anja, wir und die ganzen Schüler und Lehrer waren, so ein Projekt hinter seinem Rücken umgesetzt zu haben. Es war ein emotionaler Moment und wir glauben, dass es ein wunderbares Geschenk für unseren ehemaligen Schuldirektor gewesen ist. Und Wolfgang Stocker wird sich den Lipdub an diesem Tag wohl nicht zum letzen Mal angesehen haben. Da sind wir uns sicher! (L)

Übrigens konnte man den Lipdub am Tag der offenen Tür auch nochmal am THG anschauen. Dort standen wirklich hunderte Menschen vor der Leinwand und wir merkten richtig, wie stolz die Schüler waren, als sie sich auf der großen Leinwand sahen. 

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Kommentare: 1
  • #1

    Gassi (Sonntag, 06 August 2017 23:59)

    Echt cool